Aus Katharinas Feder

Kinder sollen im Dreck spielen!

Vor kurzem haben wir unser Aschenputtel Spiel auf dem Open Source vorgestellt. Es war ein wundervoller, ereignisreicher Tag mit schönem Wetter und entspannten Menschen. Wir konnten uns in durchweg positiven Resonanzen suhlen. Die Eltern fanden unser Konzept gut, die Kinder waren vom Spiel begeistert. Einige Eltern waren sehr erfreut über unsere Medienzeitgutscheine, weil sie schon nach Möglichkeiten gesucht haben, wie sie Vereinbarungen mit ihren Kindern treffen können.

Doch eine Person hatte offensichtlich ein großes Problem mit uns und der digitalen Welt an sich. Es war eine äußerst exzentrische Dame.
Optisch vergleichbar mit Salome Otterbourne aus „Tod auf dem Nil“.

Sie hatte Sonja gescholten, dass wir „Das Böse“ verkörpern würden, weil wir digitale Spiele entwickeln und Kindern „rechteckige Augen“ machen würden. „Kinder sollen im Dreck spielen und dies hier ist gelinde gesagt Scheiße!“
Recht hat sie! Also bezüglich der Sache mit dem Dreck. Dass unser Spiel scheiße sei, fand ich jetzt etwas unangemessen. Sie hatte sich natürlich nicht mal die Mühe gemacht sich anzuhören, was denn eigentlich unser pädagogischer Gedanke dahinter ist. Wäre sie nicht so schnell wieder davon geweht, hätte ich ihr gerne meine Erfahrung mit digitalen Medien erzählt. Denn ich bin vielleicht schon 32 Jahre alt, aber in meinem Kopf noch sehr Kind geblieben und ich erinnere mich unheimlich gut daran, was ich damals erlebt habe. Gleichzeitig verfüge ich jedoch über die Einsicht, was sich meine Eltern bei meiner Erziehung dachten.

Als ich nämlich ein Kind war

Da gab es noch keine Handies oder Tablets auf denen man stundenlang daddeln konnte. Es gab den Super Nintendo oder Sega und sowas hatten wir nicht. Meine Mutter hat es uns Kindern nicht erlaubt. Wir verbrachten also die meiste Zeit draußen und wenn es das Wetter nicht erlaubte, dann lasen wir oder malten oder schauten heimlich fern, wenn meine Eltern nicht zuhause waren.

Oh, wir wussten ganz genau, wo das Skartkabel versteckt war!
Und die Fernbedienung einzuschließen hat uns auch nicht davon abgehalten das Programm am Gerät umzuschalten!

Wir hatten viele Spielsachen und da wir zu dritt waren, wurde es auch nie langweilig. Ich mochte meine Kindheit so wie sie war und ich bereue nicht, dass meine Mutter uns fern von Medien gehalten hat. Wir haben gelernt im Wald zu spielen, in Bäume zu klettern und uns die Knie aufzuschlagen. Wir haben Räuber und Gendarm gespielt, Verstecken um den Block und haben Vogelbabies großgezogen. Wir haben Badminton auf der Straße und Tischtennis-Rundlauf gespielt und ich erinnere mich gerne daran zurück.

Und auf einmal waren wir digital!

Unser erster „Familien PC“ zog bei uns ein da war ich etwa 11 oder 12 Jahre alt. Dieser PC diente hauptsächlich meiner Mutter als Textverarbeitungsgerät. Doch sie merkte schnell, dass Computer immer mehr unser Leben bestimmten und sie sah ein, dass es neben aufgeschrabbten Knien ebenso wichtig war uns den sinnvollen Umgang mit diesem Gerät nahezubringen. Denn es war spätestens Mitte der Neunziger erkennbar, dass die Technik immer präsenter wurde und wir sie nicht völlig ausschließen konnten. Also besorgte meine Mutter Spiele mit denen wir etwas lernen konnten. Ich erinnere mich noch genau an Rayman. Das war ein Jump & Run in dem man französisch gelernt hat. Ich glaube ich kann „avoir“ und „être“ noch genau deshalb konjugieren und die Wochentage sind mir auch erst dadurch hängengeblieben, weil ich mich an ihnen entlanghangeln musste – bildlich.

Irgendwann zog auch ein Gameboy bei uns ein

Außerdem hat mein Bruder so lange rumgejammert, bis er sich von seinem hart ersparten Taschengeld eine Playstation kaufen durfte. Doch genauso wie beim Fernsehen, durften wir immer nur eine gewisse Zeit lang davor hocken. Meine Mutter hat uns spielen lassen und vorab geprüft mit welchen Inhalten wir uns beschäftigten. Und spätestens nach einer Stunde zog sie den Stecker und scheuchte uns nach draußen an die Luft.

Meine Kindheit war geprägt vom Musizieren und Singen, vom Geschichten vorgelesen bekommen und dazu malen, von autogenem Training, Sportvereinen, Haustieren, Freunde zum Mittagessen dahaben und Graben im Dreck.

Wir haben Gesellschaftsspiele gespielt, wir haben uns verkleidet, wir haben mit Puppen gespielt und Puzzles gemacht. Wir hatten Lieblingsbücher und haben die Wendy gelesen – gut, mein Bruder hat stattdessen Pokémonkarten gesammelt… Aber neben all diesen Aktivitäten geht das Spielen an Konsolen und PCs doch deutlich unter. Genauso wie wir auch sehr wenig ferngesehen haben. Wie soll man sich auch mit 3 Kindern mit je 2,5 Jahren Unterschied für ein TV-Programm entscheiden? Letztlich waren es doch immer Cartoons…

Doch durch den behutsamen und kontrollierten Konsum digitaler Medien wurden wir Kinder so gefördert, dass es uns leicht fiel mit dem PC umzugehen. Mir war bald klar, dass ich etwas mit bunten Pixeln machen wollte. Dass ich sie formen und in einen sinnvollen Kontext bringen wollte. Und schließlich bin ich Entwicklerin von digitalen Spielen geworden. Das konnte ich nur werden, weil meine Mutter erkannt hat, dass es wichtig ist ihre Kinder mit digitalen Medien aufwachsen zu lassen. Medienkompetenz ist heutzutage ein wichtiges Thema. Dass ich eine selbstbewusste, kreative und selbstständige Unternehmerin geworden bin, verdanke ich all den anderen wertvollen Beschäftigungen, auf die meine Mutter bestanden hat.

Deshalb bin ich der Meinung, dass Kinder vielfältig aufwachsen sollten. Sie sollten so viel erleben, wie nur möglich, damit sie sich entscheiden können. Damit sie selber feststellen, was ihnen liegt und was nicht. Sie sollen Körper, Gehirn und Geist beanspruchen, kreativ sein, sich bewegen, grübeln und hinterfragen. Eltern dürfen für sich selbst entscheiden, wann ein gutes Alter für den Einstieg in die Welt der digitalen Medien ist. Kinder jedoch völlig fern davon zu halten ist schlimmstenfalls kontraproduktiv und ein absichtlich erzeugtes Defizit in der heutigen Zeit. Die meisten Berufe kommen ohne Digitalisierung heute gar nicht mehr aus. Dreck alleine macht also nicht glücklich. Es ist die Vielfalt und die Ausgewogenheit.

– Katharina

2018-07-25T10:34:23+00:00